Studentisches
Wohnen
Soziale Gemeinschaft spielt im Leben jedes
Menschen eine wichtige Rolle. Der Drang eines jungen Heranwachsenden nach
zunehmender Eigenständigkeit und individueller Identität führt zum Loslösen aus
der familiären Gemeinschaft und schult die Integrationsfähigkeit für neue
Gemeinschaftsformen. Neuorientierung, Selbstfindung und kommunikativer
Austausch prägen den Studierenden während dieser Lebensperiode. Ein bedeutender
Schritt in die Selbstständigkeit ist auch die erste eigene Wohnung und hier
übernimmt das Studentenwohnheim seine didaktische Rolle: Um einem Hineinsteuern
in Anonymität und Isolation entgegenzuwirken, müssen dem Wohnheimbewohner zwar
private Rückzugsmöglichkeiten sowie Freiraum für persönliche Entfaltung geboten
werden, aber gerade weil die Dauer eines Studiums zeitlich begrenzt und die
Wohndauer auf wenige Semester befristet ist, sollte sein Kurzzeitdomizil als
Kommunikationsplattform fungieren, die das Streben nach gesellschaftlichem
Mitspracherecht fördert und als Bühne zum Erlernen von Selbstbewusstsein
verstanden wird.
Städtebau
Das Baugrundstück liegt am Anfang beziehungsweise
am Ende des Campusgeländes auf der Haupterschließungsachse. Um bestehende
Blickbeziehungen nicht einzuschränken, soll der Baukörper aufgeständert werden.
Das Erdgeschoss soll seiner Funktion als Verbindungsachse und Eingangsportal
des Hochschulgeländes gerecht werden, indem den Studierenden eine großzügige
Freitreppe als Freiraumfläche zur Verfügung steht, die vielfältige
Verweilmöglichkeiten bietet. Im Zentrum, dem Gebäudekern, befindet sich der
Kommunikationsmittelpunkt: das Studentencafé. Der wettergeschützte Freibereich
um das Café herum kann als Event- und Ausstellungsfläche genutzt werden. In der
Verlängerung der Erschließungsachse besteht eine Option zur nachhaltigen
Gebäudeerweiterung auf dem bestehenden Parkplatz.
Architektur
Im Erdgeschoss neben dem Studentencafé befindet
sich die Wohnheimverwaltung, die im Untergeschoss fortgesetzt wird. Die
Wohneinheiten beginnen auf dem ersten Obergeschoss, die über das
Sicherheitstreppenhaus zu erschließen sind. Das Gebäude gliedert sich in zwei
Teile, wobei das lichtdurchflutete Atrium den gemeinschaftlichen Teil
beschreibt. An jeder zweiten Etage sind zum Atrium hin Gemeinschaftsräume ausgerichtet,
denen Terrassen vorgelagert sind, die als Plattform für Begegnungen und
kommunikativen Austausch dienen. Das Atrium reicht von dem im Erdgeschoss
gelegenen Studentencafé bis unter das transparent, pneumatische Dach. In den
Sommermonaten ist eine Seite des Studentencafés komplett öffenbar und die
gleichzeitige Öffnung der Dachauslässe sorgt für eine angenehme Durchlüftung
des Atriums. Der zweite Teil des Gebäudes wird über die insgesamt 86
Individualräume (32 davon in Wohngemeinschaften) und der Hausmeisterwohnung
beschrieben. Sie orientieren sich nach außen und bilden Rückzugsmöglichkeiten
für die Bewohner. Badezimmer und ein Funktionsbereich sind im vorderen Teil des
Raumes untergebracht und bilden eine zusätzliche Pufferzone zwischen
Gemeinschaftsbereich und Privatraum. Jeder Individualraum besitzt einen
eigenen, vorgelagerten Balkon.
Fassade
Die Außenfassade dient den Studenten als Plattform
zur Selbstdarstellung. Durch die Verwendung von spezialbeschichteten
Faserzementplatten als „Kreidetafeln“ wird den Studierenden Platz für
individuelle Gestaltung, kreativen Ausdruck, Engagement, Mitteilungen sowie
Meinungsäußerung geboten. Einzelne Personen oder Gruppen können sich so über
ihre Identifikation mit aktuell relevanten Themen mitteilen und darstellen.
Protest, Zustimmung, Freude und weitere Aspekte, mit denen sich die
Jugendlichen auseinandersetzen, können als Spiegelbild des eigenen Innenlebens
auf die Fassade projiziert werden; ebenso bleibt die Tafel anthrazitfarben,
wenn sich der Bewohner nicht mitteilt. Extrovertierte wie Introvertierte
Menschen sollen hier aufeinandertreffen und die Vielfalt einer jugendlichen
oder menschlichen Fantasie wiederspiegeln. Den Bewohnern ist die Möglichkeit
gegeben, die auf ihrem „Studienweg“ gewonnene Lebenserfahrung zu verarbeiten
und mitzuteilen. Gleichzeitig wird den Betrachtern dieser Seelenspiegel
Gelegenheit zur Selbstreflexion geboten und vielleicht kann der
Generationenkonflikt mangels fehlenden Verständnisses für sein Gegenüber für
einen Augenblick entkräftet werden.
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